Wissenschaftsredakteur Jakob Vicari


Kollege Autist

Florian Kraus hat etwas geschafft, das ihm als Schwerbehinderten kaum jemand zugetraut hätte. Er ist von zu Hause ausgezogen, hat einen Beruf gelernt und Arbeit gefunden. Weil er es wollte.
Von Jakob Vicari


Der erste Tag war der Horror für einen wie ihn. Und doch, sagt Florian Kraus, habe er gleich gewusst, dass er bleiben wollte. Er habe kaum einen Fehler gemacht, weil er langsam und bedacht an die Sache herangegangen sei. Ein Kollege sagt, am Anfang sei es fast gar nicht gegangen, so lange habe der Neue gebraucht, so wenig habe er verstanden.
Florian Kraus hat es ihnen gezeigt, wie er es immer allen gezeigt hat. Er hat sich demütigen lassen in der Schule und sie trotzdem gut abgeschlossen. Er ist aus seinem Elternhaus ausgezogen – was er zuvor nie getan hatte -, um eine Ausbildung zu machen. Er ist morgens, bevor es hell wurde, mit seinem Chef zur Baustelle gefahren, wo er blieb, bis es dunkel war. Als er das überstanden hatte, war Kraus 21 Jahre alt. Es war ein ruhiger Morgen in der Lagerhalle im Industriegebiet Waldkraiburg, als Florian Kraus, dessen Behinderung Asperger-Autismus genannt wird, zum Arbeitnehmer wurde.


Seit drei Jahren ist er Lagerist bei Medi-Kabel im südbayrischen Waldkraiburg. Das Unternehmen handelt mit Kabeln, die in braunen Pappfässern um Kraus herumstehen. Sein Arbeitsplatz ist in der Warenannahme, in der die Spulen angeliefert werden: Flachbandleitungen, Koaxialkabel, Schrumpf- und Isolierschläuche, Wendelleitungen, Lichtwellenleiter. Er sagt, normalerweise sei es montags rappelvoll. Die Lieferanten schütteten sie dann mit Ware zu. Doch an diesem Montagmorgen ist es ruhig in der Halle; der Boden ist so sauber, als würde er täglich poliert. Unentschlossen streift Kraus in seiner grünen Latzhose mit dem Firmenlogo zwischen den Paletten umher und sucht eine Beschäftigung. Fast treibt er dahin. Wenn die Lieferungen kommen, packt er sie aus und etikettiert sie mit Barcodes, dann stellt er sie platzsparend auf, 18 Fässer je Palette, mit dem Hubwagen drei Paletten pro Reihe, Palettenreihe an Palettenreihe, dazwischen lässt er schmale Gänge. Wenn keine Lieferung kommt, stellt er die abgefertigten Paletten noch platzsparender auf, Palette passgenau an Palette, sodass die schmalen Gänge verschwinden.


Florian Kraus wird am 6. Februar 1985 geboren. Er geht in die Grundschule, hat Freunde. Er scheint ein ganz normales Kind zu sein. Dann zieht die Familie um, und der Junge wird ein anderer, er wird Autist. Als er seine alten Freunde Jahre später wiedersieht, hat er nicht nur ihre Namen vergessen - er hat vergessen, was Freundschaft ist. Er sagt, er habe irgendwann wohl einfach verlernt, Freundschaften zu schließen.
Erst nach der Schule wird bei ihm das Asperger-Syndrom, die weniger schwere Form des Autismus, diagnostiziert. Autismus, das heißt normalerweise keine Chance auf eine Ausbildungsstelle. Nur fünf Prozent der Autisten gehen einer regulären Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt nach, schätzen Experten. Florian Kraus Eltern hören von einem Pilotprojekt im Berufsbildungswerk Abensberg, das Menschen mit Autismus eine normale Ausbildung ermöglicht.


»Bisher zeigte man ihnen im besten Fall bei McDonald`s, wie sie ein Brötchen aufschneiden und das Stück Fleisch hineinstecken sollen«, sagt Matthias Dalferth, Professor für Soziale Arbeit. Solche betreuten Jobs in Firmen oder Behindertenwerkstätten waren lange die einzige Arbeitsmöglichkeit für Menschen mit Autismus. Dalferth hat nach Möglichkeiten gesucht, den Menschen zu einem richtigen Beruf zu verhelfen. »Wenn wir zeigen, was die drauf haben, was die können, hilft das den Autisten und der Volkswirtschaft.« Mit Mitstreitern hat er vor fünf Jahren das weltweit einzigartige Projekt begonnen. »Die Bildbarkeit steht heute außer Frage«, sagt Dalferth.


Wie arbeitet man mit einem Menschen zusammen, der in seiner eigenen Welt lebt?
Von den ersten 28 Absolventen hat die Hälfte einen normalen Arbeitsplatz gefunden. An eine so gute Quote ist bisher noch kein Projekt auch nur herangekommen. Die Initiatoren hoffen, dass Kollege Autist zum Normalfall wird.


Autisten sind pünktlich, zuverlässig und arbeiten mit höchster Präzision. Doch Flexibilität, Lärm und Teamarbeit machen ihnen zu schaffen. Unter den Absolventen sind Elektrofachwerker und Gartenbauer, eine Modenäherin, ein Maler, ein Lackierer und ein Lagerist. Die Berufe haben einen besonderen Bezug zu erlebbaren Materialien wie Erde und Stoff. Oder sie sprechen die Ordnungsleidenschaft der Menschen mit Autismus an. Arbeit bedeutet Teilnahme an der Gesellschaft. Arbeit ist die Möglichkeit, die Isolation zu überwinden. Er freue sich über sein Konto, sagt Florian Kraus, aber das Wichtigste sei das Gefühl, gebraucht zu werden. Er ist das leuchtende Beispiel des Projektes.


Es sind vor allem kleine Firmen, die die Menschen mit Autismus einstellen. »Kannst du den bei dir unterbringen?«, hat ein befreundeter Elektriker eines Tages Hans Zachler gefragt. Der Geschäftsführer von Medi-Kabel hat nicht lange gezögert, auch, weil Lagerarbeiter in Waldkraiburg knapp sind. »Die Hauptsache bei uns ist, ob die Person ins Team passt«, sagt Zacherl. Am Anfang dachte Zacherl, Florian Kraus könne vormittags im Lager und abends im Versand arbeiten. »Das haben wir in der ersten Woche gemerkt, dass das nicht geht«, sagt er. Mit der Zeit haben sie viele kleine Aufgaben gefunden. »Das, was Florian macht, macht er einwandfrei«, sagt er. »Aber natürlich kann ich ihn nicht bezahlen wie einen vollen Lageristen mit kaufmännischer Ausbildung.« Wenn Zacherl über die Arbeit im Lager spricht, wo er selbst angefangen hat, scheint er die Worte in seinen kräftigen Händen zu formen. Mit den Zähnen isoliert er ein Kabel ab, damit er die bunten Adern im Inneren zeigen kann.


Die Kabel verbinden beim Fußball die Hintertorkameras, CNC-Fräsen mit der Steuerung und Gehirnelektroden mit dem EKT. Und nebenbei verbinden sie Florian Kraus wieder mit der Welt. Er schiebt einen silbernen Industriestaubsauger vor sich her. Einem Muster folgend, das nur er begreift, fährt er die Maschine durch die Halle, manövriert sie an den Kartons vorbei, die überall zum Versand bereitstehen, und poliert den Boden. Ein Gabelstapler stoppt. Der Fahrer ruft verärgert: »Florian, das macht man, wenn nicht alles voll steht.« Er habe aber doch gerade Zeit gehabt, sagt Florian Kraus. Als ob der Umgang mit Kollegen nicht schon schwer genug wäre. Für Autisten bedeutet er jeden Tag aufs Neue eine besondere Herausforderung. Sie können nicht intuitiv mit Menschen umgehen. Sie müssen darüber nachdenken.


Zu Josef Bichlmaier hat Florian Kraus am ersten Tag Vertrauen gefasst. Meist arbeiten sie still zusammen, was Bichlmaier gut gefällt. Wareneingangsleiter ist seine Funktion, sagt der Geschäftsführer. Doch Bichlmaier kann mit dem Titel nicht viel anfangen. Er ist ein ruhiger, gutmütiger Mann, der sich im Lager am richtigen Ort fühlt. Jetzt legt er Florian Kraus die Etiketten bereit, auf die säuberlich aufgereihten Paletten. »Es gibt einen gewissen Punkt, da geht es bei ihm nimmer«, sagt Bichlmaier. Ihn störe das nicht. Er war auch nicht vorbereitet auf einen autistischen Kollegen; das sei nicht nötig gewesen, findet er.


Florian Kraus läuft vorbei. Wenn er durchs Lager geht, umgibt ihn die Einsamkeit wie eine Blase. Er guckt keinen Kollegen an, grüßt nicht. Wenn sie Witze machen, ein Lied anstimmen: Florian zieht seinen Hubwagen still vorbei. Der Psychiater Eugen Bleuler prägte 1911 den Begriff Autismus als »Loslösung von der Wirklichkeit zusammen mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Innenlebens«. Losgelöst von der Umgebung, scheint Florian Kraus fast durch die Werkshallen zu schweben. Models auf dem Laufsteg streben eine solch gleichmütige Leichtigkeit an. Der Lagerarbeiter aus Waldkraiburg verkörpert sie; es ist seine Behinderung.


Die Kunst des Autisten ist es, in einer Aufgabe, die ihm gefällt, ganz und gar aufzugehen
Um halb zehn ist Mitarbeiterbesprechung im Lager. Auch Kraus hat auf der Beschwerdetafel einen Hinweis hinterlassen. »Kein Papier in den Restmüll«, hat er geschrieben, dahinter die 38. »Das ist meine persönliche Personalnummer.« Die ist ihm wichtig. Er ist stolz darauf, die 38 zu sein, und schreibt oft Hinweise auf die Beschwerdetafel, denn er mag es ordentlich. Bei der Besprechung steht er in der letzten Reihe. Meist werden Chefsachen besprochen, sagt er, da höre er nur mit halbem Ohr hin.


Seinen Aufgaben widmet sich der Leiter der Leergutabteilung, so nennt er sich, mit großer Sorgfalt. Die Kunden schicken die leeren Kabelspulen zurück, Kraus stellt Kabelspule für Kabelspule auf den Stapel, eine passgenau auf die andere. Es sei der Autismus, sagt er, der bei ihm diese Perfektion erzeugt. Sein Gesicht zeigt dabei keine Regung. Sein Mund bleibt ein gerader Strich, seine Augen geben keine Bestätigung des Gesagten. Florian Kraus zelebriert die Arbeit. Er sagt, der Job sei ein »Sechser im Lotto«.


Wie viel Pfand auf einer Spule ist? Die Frage verblüfft ihn. Darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Er schaut in seinen Papieren nach, dann auf der Rückseite des Klemmbretts. »Zweifünfunddreißig«, sagt er, aber er sagt es so, als wäre es eine überflüssige Information. Auf die Frage, was er für seine Arbeit im Berufsbildungswerk gelernt habe, sagt Florian Kraus, es sei eher weniger. Er stockt kurz, dann blickt er auf. »Oder doch: Flexibilität.« Seine Augen leuchten auf.
Das Berufsbildungswerk ist ein riesiger Gebäudekomplex aus den siebziger Jahren. Es liegt vor dem kleinen Ort Abensberg und ist ausgestattet mit einer eigenen Bäckerei, eigener Metzgerei, eigenem Supermarkt, zwei Restaurants und einem ausgefeilten Lagersystem. In dieser Simulation von Welt aus braunem Klinker werden 430 Jugendliche ausgebildet, geistig Behinderte, Lernbehinderte, Verhaltensauffällige und eben auch Autisten. 1996 waren es erst zwei, inzwischen sind es 58, die hier einen Beruf erlernen. Die Erfolge haben sich herumgesprochen.


Florian Kraus war vor seiner Lehre nie mehr als zehn Meter von seinen Eltern entfernt gewesen, sagt er. Plötzlich waren es hundert Kilometer. Er wohnte in einem Zimmer mit einem anderen Auszubildenden und probierte Berufe aus. Erst versuchte er sich als Bürokaufmann, doch das Bürokratische sei nicht seins gewesen. Schließlich machte er eine Ausbildung zum Elektrofachwerker. Und sagt selbstbewusst, dass er der Einzige gewesen sei, der alle Schaltungen hinbekommen habe.


Die Frau, die Florian Kraus das Selbstbewusstsein beigebracht hat, sitzt an einem großen runden Kieferntisch. Gisela Kraus ist Sozialtrainerin in Abensberg. Sie bringt sozial Blinden das Soziale bei. Dass das überhaupt möglich ist, daran herrschte lange Zweifel. Vor ihr um den Tisch sitzen schweigend vier junge Männer. Sie sollen über sich sprechen, eine der schwierigsten Übungen für Autisten. »Wir lernen hier das Miteinander für die freie Wirtschaft draußen«, sagt einer, der schon länger dabei ist. Draußen, dorthin wollen sie. Vorher lernen sie Sozialverhalten wie Vokabeln: wie man reagiert, wenn der Ober das falsche Essen bringt, jemand auf dem reservierten Platz in der Bahn sitzt oder ein Kollege Kritik äußert. »Erst durch das Sozial-Training können sie zum akzeptierten Kollegen werden«, sagt Gisela Kraus. Manche Autisten müssten verpflichtet werden, zum Freizeitabend alle zwei Wochen zu kommen, sagt die Sozialtrainerin. Sie hat Florian Kraus eingeladen, bei der Fachtagung eine Rede zu halten über seinen Werdegang.


Florian Kraus ist sonderbar. Aber, Hand aufs Herz: Wer ist das eigentlich nicht?
Sonja Diem war sehr angetan von der Rede. Sie hat die Firma Medi-Kabel von ihrem Vater geerbt. Mitte der neunziger Jahre. Am Anfang hat sie gefremdelt mit der Firmenwelt. Sie war zuvor Sozialpädagogin und redet immer noch ein bisschen so. »Eine Firma soll eingrenzen, nicht ausgrenzen«, sagt sie und kümmert sich nicht so sehr um Kabel, sondern darum, »dass die Leute an der richtigen Stelle sind«. Derzeit ist ihre größte Sorge, dass die Firmenkultur verloren gehen könnte, denn das Unternehmen wächst stark. Waren zur Jahrtausendwende noch 14 Mitarbeiter beschäftigt, sind es inzwischen 54. Hinter Sonja Diem ziehen Arbeiter ein Büro für die neue Support-Abteilung ein. Gleich hat sie wieder ein Bewerbungsgespräch. Über Florian Kraus sagt sie, dass er wegen seiner offenen Art sehr geschätzt wird. Das ist ein großes Kompliment für einen Autisten.


Jetzt steht seine Festanstellung an. Hat Diem keine Angst, einen Schwerbehinderten fest einzustellen? »Man macht das nicht, wenn man kein Überzeugungstäter ist«, sagt sie. Und erzählt von den vielen Warnungen. Und regt sich darüber auf, dass das Integrationsamt die Zuschüsse für Florian Kraus gestrichen hat, 270 Euro. Es geht ihr nicht so sehr um das Geld. »Die setzen das Glück vom Florian aufs Spiel.« Deshalb hat sie sich bei der Ministerin beschwert. Dann kopiert sie die Rede.


Es sind sechs eng bedruckte Seiten, viele Worte für einen Autisten. Über sich schreibt Florian Kraus dort: »Ich bin, in Anführungszeichen ausgedrückt, ein ganz normaler junger Mann und habe zufällig das eine oder andere psychische Problem, aber ganz ehrlich, wer in den heutigen Zeiten hat keine Probleme.«


Am Nachmittag ist Florian Kraus plötzlich weg. Er hat sich zurückgezogen in eine Abstellkammer. Dort packt er neongrüne Leitungsverbinder in Tüten. Ob man seine Rede schon gelesen habe, fragt er. Es ist die erste Frage, die er an diesem Tag stellt. Das sei im Übrigen die letzte Fachtagung, die er besucht habe, sagt er. Hinterher wisse man so viel über Autismus wie vorher. »Die sollten lieber mal eine Methode finden, wie man das heilen kann«, sagt er. Einen kurzen Moment sieht er sehr traurig aus. Dann packt er weiter Kunststoffteile in Tüten.

Lesen Sie auch die Artikel: / Was wäre wenn wir uns beamen könnten? »

Erschienen in brand eins

Autor
Jakob Vicari
freier Wissenschaftsredakteur
 

Datum
29.8.2008
 

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